Versöhnung durch Begegnung

Marsch des Lebens von Hamburg nach Kiel

Von Stefanie Nowatzky
Fuhlsbüttel Rund 90 Kilometer sind es vom ehemaligen KZ-Außenlager, dem heutigen Gefängnis Fuhlsbüttel, bis nach Kiel ins damalige Arbeitserziehungslager Nordmark. Vier Tage brauchten die rund 800 KZ-Insassen auf ihrem Marsch in den letzten Kriegstagen. Begleitet von Bewachern, die inzwischen um ihr eigenes Schicksal fürchteten und erschossen, wer nicht mithalten konnte. Nicht mithalten auf dem Weg fort von den Alliierten, denen die ausgemergelten Gefangenen nicht in die Hände fallen sollten. Vier Tage Leid, wie in vielen deutschen Städten noch in den letzten Kriegstagen. Wenn sich der Todesmarsch am 15. April zum 70. Mal jährt, werden über 150 Menschen noch einmal aufbrechen, um die Strecke gemeinsam bei einem Marsch des Lebens, der Versöhnung, zu bestreiten. Mit dabei ist auch Ruthy. Sie wird extra aus Israel kommen. Sie will den Weg gehen, den ihre Mutter Hilde Sherman 1945 mit so vielen anderen beschritt und in ihrer Biografie "Zwischen Tag und Dunkel" so eindrucksvoll beschrieb. Ruthy sagt: "Ich will dabei sein, damit die jetzige Generation in Deutschland uns als die Nachkommen der Überlebenden sehen, obwohl die damalige Generation behauptet, sie hätten damals nie Menschen auf dem Todesmarsch gesehen." Der Marsch des Lebens ist eine Chance für die Nachkommen von Tätern, Opfern und auch Zuschauern ins Gespräch zu kommen. Eine Chance zur Versöhnung, wie Hinrich Kaasmann sagt. Er ist Vorsitzender von Ebenizer Deutschland und einer der Organisatoren des Marsches nach Kiel. Der Marsch zusammen mit der Veranstaltung am Vorabend soll Menschen zusammenbringen. So wird außer Ruthy und ihrer Tochter Martha auch der Klaus Tessmann, der Enkel des letzten KZ-Kommandanten, mit dabei sein. "Begegnung ist der einzige Weg, den ich sehe", sagt Kaasmann auf die Frage, warum dieser Marsch so wichtig für ihn und die anderen Organisatoren ist. Seit zwei Jahren laufen die Vorbereitungen, um die passenden Strecken für die Tage zu finden, Unterkünfte zu suchen, alle möglichen Beteiligten einzuladen.
Hinrich Kaasmann, Vorsitzender ebenizer-Hilfsfond und Mitorganisator, sagt: "Der Marsch des Lebens ist Versöhnung." Foto Nowatzky
Dabei haben sich oft auch neue Begegnungen ergeben. So auf einem Bauernhof in Kaltenkirchen, auf dem die Gefangenen übernachten mussten. Erst vor wenigen Tagen erfuhr der Enkel, heute selbst Bauer auf diesem Hof, von den Geschehnissen in der Nacht zum 16. April 1945 und lud die Nachkommen des Marsches ein, die Scheune anzuschauen. Oder die Geschichte des jungen Musikers, der am Rahmenprogramm mitwirkt und so einen ganz eigenen Teil der Geschichte aufarbeitet: Der Großvater, John Messerschmitt, überlebte als Kommunist und Musiker das KZ, doch Musik machte er selbst nie wieder. Statt dessen förderte er seinen Enkel, der nun wieder den Marsch des Lebens musikalisch begleitet. "Unser Ziel ist, das so etwas nie wieder passiert", sagt Hinrich Kaasmann und ist überzeugt, dass Identifikation mit den Opfern der richtige Schlüssel dafür ist. Indem aus den Millionen namenloser Opfer einzelne Menschen mit einer eigenen Geschichte werden. Und aus den Stätten eines unbekannten Marsches konkrete Plätze, die man nun mit neuen Augen sieht. Nicht alle Teilnehmer werden die ganze Strecke mitlaufen. Einige werden auch einen Teil des Weges in kleinen Bussen zurücklegen, um an den Gedenkfeiern an den Abenden dabei zu sein. Doch rund 50 Menschen wollen die gesamten 90 Kilometer von Fuhlsbüttel bis Kiel gehen und den Marsch als Ganzes erleben. Vergebung für die Täter kann es dabei nicht geben, denn Vergeben bedeutet nach dem jüdischen Glauben Vergessen. Statt dessen will der Marsch erinnern. Erinnern an die Toten und an die Überlebenden. Aber vor allem auch Versöhnen. "Der Marsch mit diesen Menschen, das ist Versöhnung 1:1", hofft Hinrich Kaasmann. Der Abend der Ehrung mit Musik und vielen Gesprächen in der Lukaskirche beginnt am 14. August um 19 Uhr, der Marsch startet am kommenden Morgen um 9 Uhr am Suhrenkamp. Info: mdl.cindev.de
Erschienen: Norderstedter Wochenblatt, Ausgabe 15 2015