Schreiben ist Erinnerung

Geschichten von Zeitzeugen im Netz und als Buch

Von Stefanie Nowatzky
Norderstedt An diesem Tag ist es voll in dem kleinen Besprechungsraum im DRK-Haus in Garstedt. 13 Mitglieder und Gäste der Erinnerungswerkstatt. Norderstedt sind gekommen, fast 1000 Jahre Erinnerung sitzen rund um den Besprechungstisch. Auf dem Tisch drängen sich zwei Kuchen, außerdem gibt es für jeden einen kleinen Schluck russischen Sekt. Elena Orkina, 1993 aus Moskau nach Deutschland gekommen, hat ihn zum russischen Neujahrstag mitgebracht. Und so müssen die Geschichten heute etwas warten. Die Geschichten, die Mitglieder der Erinnerungswerkstatt geschrieben haben. Über 930 haben sie in zehn Jahren gesammelt, geschrieben, redigiert und auf ihrer Internetseite bereitgestellt. Nicht als Historiker sondern als Zeitzeugen haben sie Erinnerungen aus der Zeit vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg aufgeschrieben. Im vergangenen Jahr erschien das erste Buch, inzwischen wird die dritte Auflage von "Dennoch haben wir gelacht" gedruckt. "Wir wollten jungen Leuten die Geschichte erzählen, bevor es keinen mehr gibt, der sich erinnert", sagt Hartmut Kennhöfer, Mitbegründer und Webmaster der offenen Werkstatt. Seit 2004 stehen die Texte im Internet, dem Medium, mit dem vor allem die jüngeren gut zu erreichen sind. "Zu uns kommen die 20-Jährigen, die nach Zeitzeugen für Studienarbeiten oder ähnlichem suchen. Dann die 40-Jährigen, die ihren Kindern etwas aus dieser Zeit erzählen wollen. Und ab 60 kommen die Leute, die bei uns schreiben wollen", sagt er.
Die Erinnerungswerkstatt trifft sich monatlich im DRK-Haus Ochsenzoller Straße. Foto Nowatzky
Zwischen elf und 15 Autoren kommen regelmäßig in die Werkstatt. Mit wachsender Zahl der Texte kam schließlich die Idee, zusätzlich ein Buch herauszubringen. "Kindheit und Jugend 1933 bis 1955" legte das Redaktionsteam als Untertitel fest, danach wurden in wöchentlichen Redaktionssitzungen die Texte ausgewählt, bearbeitet und schließlich für den Druck fertig gemacht. Bereits nach drei Monaten waren die ersten 500 Exemplare verkauft, jetzt ist die 2. Auflage von 400 Stück fast vergriffen und der Verlag wird erneut nachdrucken. Mit dem Buch hat sich ein neuer Leserkreis entwickelt, viele Exemplare wurden jetzt von älteren Lesern gekauft, auch Altenheime haben das Buch bestellt. "Aber für ihre Auszubildenden, damit die sich besser einfühlen können", hat Autorin Margot Bintig als Rückmeldung bekommen. Besonders die Mischung macht den Reiz des Buches aus. Ob die Geschichten von Günter Matiba über die Fahrt nach Ostpreußen oder seine Erinnerungen an das "Deutsche Jungvolk", Alltagserlebnisse aus Garstedt von Inge Hellwege, oder gar Erinnerungen an eine Kindheit in Argentinien von Ernesto Potthoff - die Geschichten von 20 Autoren rund um den zweiten Weltkrieg zeichnen ein vielfältiges und subjektives Bild aus den Erlebnissen verschiedener Menschen an verschiedenen Orten. "Wir sind keine Historiker" betont Kennhöfer. Doch gerade die Nähe und die ganz persönlichen Erfahrungen machen den Reiz der Sammlung aus. Und der Humor, der in vielen Geschichten mitschwingt, passend zum Titel: "Dennoch haben wir gelacht". Das Buch ist erhältlich bei den Norderstedter Buchhändlern, über Amazon und auch auszuleihen in der Stadtbücherei in Garstedt.
Erschienen: Norderstedter Wochenblatt, Ausgabe 3 2015