Große Liebe "Alte Tante Ju"

30 Jahre mit der Ju verbunden

Von Stefanie Nowatzky
Fuhlsbüttel Gerhard Stelling fährt liebevoll mit der Hand über das silberne Wellblech der 78-jährigen alten Dame im Hangar in Fuhlsbüttel. „Tante Ju“ nennen viele das Flugzeug aus dem Hause Junkers, ein Kollege von Werkstattleiter Stelling sprach neben vielen liebevollen Kosenamen gerne von „der alten Ziege“. Seit 30 Jahren ist das Passagier- und Frachtflugzeug am Hamburger Flughafen zu Hause. Seit 30 Jahren gehört der 62-jährige zur Bodencrew der weltweit ältesten original bei Junkers gebauten und immer noch flugfähigen Maschine. „Dieses Flugzeug hat eine Seele“, sagt er und spricht damit von seiner großen Liebe – zumindest beruflich. Als junger Mechaniker war er zwischen Weihnachten und Neujahr 1984 einer von wenigen an den dünn besetzten Tagen zwischen den Jahren auf der Lufthansawerft, als die Maschine nach 16 Tagen Flug über den Atlantik von Miami hier landete. „Mein Glückstag“ sagt Gerhard Stelling heute. Aus dem ersten Blick auf die alte und nach dem langen Flug arg zerrupfte Maschine auf dem Vorfeld wurde im Frühjahr ein neuer Arbeitsplatz: Zunächst war Stelling für die Instandsetzung der Motoren eingesetzt. Und dann blieb er dabei. Bis heute ist er einer der 15 festen Mitarbeiter der Stiftung Lufthansa Berlin, die sich um die alte Flugzeugdame kümmern, seit zehn Jahren als Werkstattleiter. Dazu kommen 35 Ehrenamtliche. Inklusive Piloten, die Schlange stehen, um neben ihrer hauptberuflichen Arbeit für die Kranichlinie das restaurierte Schmuckstück zu Rund- und Streckenflügen in Hamburg und auch auf anderen Flughäfen und Flugschauen zu fliegen. Der erste war Heinz-Dieter Bonsmann, Flugkapitän a.D. Er flog die Ju 52 bis 2007 und schwärmt immer noch davon: "Das ist direktes, pures Fliegen." Auch für Gerhard Stelling ist die intensive Zeit mit der Grand Dame der Luftfahrt bald vorbei. Ende des Jahres geht er in den Ruhestand. Und wenn er von der silber-schwarzen Maschine spricht, wird er etwas wehmütig „So werden Flugzeuge heute nicht mehr gebaut“, meint er und weist auf die Wellblech-Haut der Ju 52. „Das ist nur 0,4 Millimeter stark aber hat durch die Falten extrem viel Festigkeit“, erklärt er technische Schmankerl. „Etwas ganz besonderes“ ist die Maschine auch für die Fluglinie. Bernhard Conrad, Vorsitzender der Stiftung, sagt als Eigentümer: "Dass sie in Hamburg bleiben würde, war vorher nicht geplant. Aber heute ist sie hier nicht mehr wegzudenken." Und er erklärt etwas verschmitzt: "Wenn ich zuhause in Großborstel auf der Terrasse sitze, und das typische Geräusch höre, schaue ich immer noch automatisch hoch." Und das, obwohl die 1936 gebaute Maschine in Hamburg leisere Motoren bekam. Für Gerhard Stelling ist auf jeden Fall Ende des Jahres die große Liebe nicht vorbei - als Mitglied im Förderverein bleibt er der alten Tante weiter verbunden - "da werde ich sicher auch in dem einen oder anderen Rahmen noch mal hier tätig sein."
Baujahr 1936 bei Junkers in Dessau, erster Einsatz für Lufthansa, Heimflug Dezember 1984 nach Hamburg. Einziges historisches Verkehrsflugzeug mit voller Zulassung für den Verkehrsbetrieb weltweit, Flügelspannweite 29,25 m, Länge 18,50 m, Reisegeschwindigkeit 190 km/h, Höchstgeschwindigkeit 250 km/h, Reichweite 825 km. Bis zu 16 Passagiere und vier Besatzungsmitglieder. Flüge unter lufthansa-ju52.de

Erschienen: Wochenblatt Langenhorn, Ausgabe 52 2014