Erst die Sprache, dann der Beruf

Flüchtlinge wollen schnell auf den Arbeitsmarkt

Von Stefanie Nowatzky
Norderstedt Der 19-jährige Shamel weiß genau, was er will: Flugzeuggerätemechaniker oder 3-D-Programmierer möchte der junge Syrer werden und darauf arbeitet er hin. Nach einem knappen Jahr im Berufsbildungszentrum empfiehlt Marlies Rathsack von der Arbeitsagentur ihm, jetzt möglichst schnell noch einen Deutschkurs zu starten.
Shamel Haj Ahmad mit Dolmetscher Mohamed Gaber und Berufsberaterin Marlies Rathsack. Foto Nowatzky
Das ist die Bilanz eines von über 50 Gesprächen mit Flüchtlingen aus der Unterkunft Harkshörn im Konferenzraum des Rathauses. Der Nachmittag war das Pilotprojekt einer gemeinsamen Aktion von Stadt, Jobcenter, Arbeitsagentur und Entwicklungsgesellschaft Norderstedt. Das Ziel: Möglichst für jeden Asylbewerber den passenden nächsten Schritt in einen möglichen Berufsweg zu finden. Dieser Sprechtag soll künftig auch noch für alle anderen größeren Unterkünfte angeboten werden.
Mahamed Dubed Bare (28) möchte Elektriker werden, wenn er besser Deutsch spricht. Foto Nowatzky
"Das Besondere ist, dass hier die Experten für Sprachkurse, Anerkennung von Abschlüssen, Jobcenter und Arbeitsagentur alle zusammen sitzen. So kann jeder Flüchtling zum passenden nächsten Schritt beraten werden", erklärt Integrationsbeauftragte Heide Kröger.
Hassan Abdirashid ist 34 und hatte in Somalia eine kleine Farm. In Deutschland möchte er Krankenpfleger werden. Foto Nowatzky
Statt Zeit bei der Suche nach der richtigen Ansprechperson zu verlieren, wird hier direkt über passende Maßnahmen gesprochen - oft mit Hilfe der anwesenden Dolmetscher. Und so ist vor allem Deutschlernen auf unterschiedlichen Stufen das Hauptthema. Auch für Shamel, obwohl der 19-jährige in seinem einen Schuljahr in Deutschland schon viel gelernt hat. "Für eine Ausbildung brauchen die Flüchtlinge mindestens Sprachniveau B2", erklärt Rathsack, die als Berufsberaterin für alle Flüchtlinge bis 25 Jahre im Kreis Segeberg verantwortlich ist.
Marlies Rathsack ist Migrationsbeauftragte derArbeitsagentur und Berufsberaterin für alle Flüchtlinge bis 25 Jahre im Kreis Segeberg. Foto Nowatzky
Die klaren Vorstellungen des Syrers zur Ausbildung sind für sie die Ausnahme. "Die meisten haben das erste Mal überhaupt die Frage, was sie machen möchten. In ihrer Heimat haben die Eltern vorgegeben, was sie arbeiten", erzählt sie. Mit der dualen Ausbildung in Deutschland ist das in der Regel nicht zu vergleichen, daher ist die Anerkennung von Abschlüssen meist schwierig oder unmöglich. Dagegen ist Shamel schon gut aufgestellt. Wenn er genug Deutsch kann, will er eine Ausbildung beginnen und danach vielleicht noch das Abitur machen. 12 Jahre Schule in Syrien und ein Jahr in Norderstedt kann er schon vorweisen.
Erschienen: Norderstedter Wochenblatt, Ausgabe 29 2016

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