Allein mit der Flasche

Weg aus der Sucht gefunden

Von Stefanie Nowatzky
Norderstedt Er war am Boden - zum zweiten Mal. Zehn Jahre war Stefan (Name von der Redaktion geändert) trocken. Dann fing er wieder an, sich selbst zu belügen. "Ich kann kontrolliert trinken" - damit begann der erneute Abstieg für den Familienvater. Eine Flasche Korn pro Tag war schließlich wieder sein ständiger Begleiter - "Ich wollte nur mit der Flasche allein sein", erzählt er jetzt, nachdem er zum zweiten Mal den Ausstieg aus der Sucht geschafft hat. Und endlich für sich akzeptiert hat: "Ich bin Alkoholiker und werde es immer sein. Es gibt nur trockene und nasse." Während er beim ersten Mal vor allem seiner Exfrau etwas beweisen wollte, hat er diesmal den Ausstieg für sich selbst durchgezogen. Mit Hilfe der Suchtberatung in Norderstedt. "Ich bin immer hier vorbeigelaufen. Und dann war ich so fertig, dass ich einfach reingegangen bin." Am nächsten Tag war er schon zum Entzug in der Klinik in Recklinghausen, spezialisiert auf Entgiftung. An seiner Arbeitsstelle hat er offen zugegeben: "Ich bin Alkoholiker" und wurde unterstützt. Seit Februar 2015 ist Stefan trocken, im Juni endet seine ambulante Therapie, mit der er seine Krankheit in den Griff bekommen hat. Heute weiß er nicht mehr, warum er wieder angefangen hat zu trinken. Aber er weiß, dass er vermutlich tot wäre, wenn er nicht im vergangenen Jahr den Schritt aus der Sucht geschafft hätte. Seine Erfahrung will Stefan weitergeben. Als ehrenamtlicher Helfer oder als Suchtbeauftragter in seiner Firma. Stefan ist einer der ersten, der im 2015 neu geschaffenen Beratungsnetz in Norderstedt Hilfe suchte. Der Landesverein für Innere Mission in Schleswig-Holstein mit der ATS (Ambulante und Teilstationäre Suchthilfe) und das Sozialwerk hatten sich gemeinsam um die Suchtberatung beworben und ihre schon langjährige Kooperation damit auch unter ein gemeinsames Dach gestellt.
Thomas Meyer, Geschäftsführer Sozialwerk, und Bettina Sommerburg, Leiterin ATS Kohfurth, arbeiten in der Suchtberatung zusammen. Foto Nowatzky
An mehreren Standorten - bei der ATS Kohfuhrt 1, Beim Umspannwerk 6 und in der Tagesaufenthaltsstätte TAS, Ochsenzoller Straße 85 beim Sozialwerk, sowie bei Bedarf im Jobcenter Norderstedt Mitte und im Familienzentrum Glashütte - werden offene Sprechzeiten angeboten. Von hier aus vermitteln beide Träger in die jeweils passenden Programme. 760 Menschen suchten im vergangenen Jahr die Beratung, davon 507 Betroffene und 253 Angehörige. Den größten Anteil machten nach wie vor die Alkoholkranken aus (430), gefolgt von Cannabis (197) und sonstigen Drogen (89) Aber auch Glücksspielsüchtige (54) suchten die Beratungsstellen auf. Weitere Beratungsfelder: Mediensucht (23), Essstörungen(18), Medikamente (8) und Sonstige wie Nikotin, Kauf- oder Sexsucht (39). "Der Kern der Suchthilfe sind die Beratungsstellen", sagt Dr. Hans-Jürgen Tecklenburg, Leiter der ATS. Dazu kommt die Präventionsarbeit, die ATS und Sozialwerk ebenfalls gemeinsam betreiben. Neben 35 Angeboten an vor allem weiterführenden Schulen finanziert durch den Kreis Segeberg gibt es mit Unterstützung der Stadt Norderstedt jährlich 80 weitere Angebote. Kindertageseinrichtungen, Grundschulen, offene Jugendarbeit und weiterführende Schulen sollen von diesen Angeboten profitieren. Bettina Sommerburg, Leiterin der ATS Kohfurth will vor allem mit den Jugendlichen ins Gespräch kommen. Ihre Erfahrung: "Nach unseren Veranstaltungen kommen Betroffene häufiger in die Beratung." Jugendliche wünschen sich allerdings hier weniger Vorträge und mehr Klartext. Versuche mit Promillebrillen und Co kommen besser an, als Frontalbeschallung. Ein 17-jähriger Gymnasiast: "Die Vorträge nehmen wir nicht wirklich ernst."

Offene Sprechzeiten:
Kohfurth 1 Dienstag 10 bis 13 und 17 bis 19 Uhr, Donnerstag 15 bis 18 Uhr, ATS Beim Umspannwerk 6 Mittwoch 11 bis 13 Uhr, Sozialwerk Ochsenzoller Straße 85 Mittwoch 10 bis 13 Uhr. Termine auch telefonisch unter 040-5233222 oder 040-5237160.

Erschienen: Norderstedter Wochenblatt, Ausgabe 20 2016

Mehr Texte finden Sie im Archiv