Gelebte Geschichte

32 Postkarten erzählen von Hamburger Familie

Von Stefanie Nowatzky
Langenhorn/Fuhlsbüttel Wenn Torkel S. Wächter im April zu seiner Lesung nach Hamburg kommt, ist es auch ein Stück nach Hause kommen. Der 53-jährige lebt in Stockholm, doch seine Wurzeln und die seiner Familie sind in Hamburg. Minna und Gustav Wächter, seine Großeltern, lebten bis zu ihrer Deportation im Herbst 1941 im Scheideweg in der Hansestadt. Von dort schrieben sie an ihre drei Söhne Postkarten und Briefe, die von ihrem Leben im Nazideutschland erzählen. Denn die Söhne der jüdischen Beamten- und Kaufmannsfamilie waren nach ersten Zusammenstößen mit Nazideutschland und KZ-Aufenthalten nach Buenes Aires und Schweden geflohen. Doch das erfuhr Minnas und Gustavs Enkelsohn Torkel erst als Erwachsener. "Als ich selber Vater geworden bin, 2000, habe ich gedacht, ich wollte meinen Kindern die Geschichte meines Vaters erzählen können", erzählt der Deutsch-Schwede. Und so holte er die bisher ungeöffneten Kisten mit dem Nachlass seines 1983 verstorbenen Vaters vom Dachboden und fand auch die 32 Postkarten auf Deutsch in einer ihm unbekannten Schreibschrift - Sütterlin. Mit Hilfe der Sütterlin-Stube in Langenhorn gelang es, die Postkarten zu übertragen und so die Geschichte der Familie Wächter nachzuzeichnen. Gerade erschienen: 32 Postkarten - die Geschichte einer jüdischen Familie in Hamburg zur Nazi-Zeit. Foto ABACUS VerlagAllerdings waren die jetzt im neuen Buch "32 Postkarten" veröffentlichten Schreiben nur ein winziger Teil der umfangreichen Familien-Korrespondenz, die durch die Hände der Schreibstube lief. "Insgesamt haben wir weit über 1000 Briefe übertragen", zählt Dr. Dr. Peter Hohn, seit 12 Jahren Vorsitzender der Sütterlinstube, auf. Genau solche Dokumente machen für ihn den Reiz der Übertragung aus. "Das ist Geschichte von unten in massiver Form, die bis in die heutige Zeit reicht", schwärmt er. Denn in den Briefen hält die Familie Kontakt, erzählt von Alltagsbegebenheiten und verschlüsselt von den Geschehnissen der Nazi-Zeit. "Vor allem ist es eine Geschichte der Liebe, die in den Postkarten und Briefen erzählt wird", so Torkel Wächter. "Diese Liebe und das Zusammenhalten der Familie. Das hat mich sehr beeindruckt", so Wächter weiter. Nach "On this day - 80 Years ago" ist "32 Postkarten - Post aus Nazi-Deutschland" die zweite Veröffentlichung aus dem Nachlass von Walter Wächter. Sein Sohn hat über viele Jahre stückchenweise die Geschichte rund um die Briefe und Karten zusammengetragen, und so die Karten im gerade erschienenen Buch zu einer zusammenhängenden Geschichte verbunden. Am 22. April wird Torkel Wächter selbst nach Hamburg kommen und ab 19 Uhr in der Gedenkstätte Fuhlsbüttel, am Ort des KZs, in dem sein Vater drei Jahre einsaß, aus dem Buch lesen. Weitere Termine: 23.4. 19 Uhr Schwedische Gustaf-Adolfskirche und 24.4. Galerie Morgenland/Geschichtswerkstatt Eimsbüttel.
Erschienen: Langenhorner Wochenblatt, Ausgabe 13 2014