Lieber essen als wegwerfen

Lebensmittelretter auch in Langenhorn

Von Stefanie Nowatzky
Langenhorn/Groß Borstel "Lebensmittel retten macht süchtig", bekennt Melanie Schwarz. Die engagierte Frau aus Bramfeld hat sich am Vormittag am Hintereingang einer Supermarktkette mit Monika Graetz und Christina Schlüter getroffen um Lebensmittel abzuholen und so vor dem Müll zu bewahren. Laut einer Studie der Universität Stuttgart werden in Deutschland jährlich 11 Milionen Tonnen Lebensmittel als Abfall entsorgt. 550.000 davon im Handel und über 6,5 Millionen in privaten Haushalten. Dagegen wollen die Foodsaver und Foodsharer etwas unternehmen. Seit 2013 ist Christina dabei. Die 35-jährige wurde gerade Mutter, als sie anfing, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Überzähliges aus ihrem Kühlschrank stellte sie im Internet ein und brachte es so an den Mann oder die Frau. Auf der Plattform foodsharing.de finden sich bundesweit sogenannte Einkaufskörbe, mit denen Privatleute Überschüsse aus ihrem Kühlschrank oder Garten anbieten. Dazu gibt es auch Kühlschränke beispielsweise im ASTA-Cafe an der Uni Hamburg, die mit überzähligen Lebensmitteln bestückt werden und aus denen sich bedient werden darf. Doch nur den eigenen Kühlschrank teilen war Christina nicht genug. Sie beantwortete einen Quiz mit Fragen zu Lebensmitteln und passendem Verhalten den Geschäften gegenüber, besuchte ein Neulingstreffen und wurde Foodsaver. Seitdem fährt sie bei Supermärkten, Bäckereien oder Gemüsehändlern vor, sammelt Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden können ein und teilt sie mit Mitbewohnern, Studenten und älteren Menschen in ihrer Umgebung. Heute ist die Ausbeute groß. Der Supermarkt hat Kistenweise Ware bereitgestellt, die Monika, Melanie und Christina erst auf ihre drei Autos und dann in ihrem Umfeld verteilen wollen. Papaya, Zucchini, Oliven, Kohl, Salate, Nektarinen und Pfirsiche mit kleinen Druckstellen, H-Milch, Käse, und sogar Haarpflegeprodukte, deren Mindesthaltbarkeitsdatum MHD abgelaufen ist. Monika beliefert in ihrer SAGA-Siedlung in Lokstedt ganze Familien, die sich schon auf das große Angebot im Gemeinschaftsraum freuen. Melanie hat ebenfalls Familien und auch viele ältere Leute in der Nähe, die von ihrer Sammelleidenschaft profitieren dürfen. Nicht nur Supermärkte, sogar eine Schulküche fährt sie heute noch an, holt dort eimerweise frisch gekochtes Mittagessen ab, dass von den Kindern nicht gegessen wurde. Wer die Lebensmittel bekommt, hängt nicht vom Einkommen ab. Denn die Lebensmittelretter, wie sie sich auch nennen, haben vor allem ein Ziel: "Keine Lebensmittel in den Müll", wie Melanie betont.
Nicole Schlüter ist Foodsharing-Botschafterin für den Hamburg-Nord. Sie betreut die ehrenamtlichen Lebensmittelretter und ist auch selbst immer noch eifrig dabei, Lebensmittel vor dem Müll zu retten. Foto Nowatzky
Deshalb freut sie sich auch, dass einige Geschäfte nach mehreren Wochen weniger abgelaufene Ware bereitstellen, erst durch die Abholung offenbar mit weniger Warenvorhaltung reagiert haben. Mit den Tafeln sehen die Retter sich nicht in Konkurrenz. Auch Stefanie Bresgott, Sprecherin vom Bundesverband "Die Tafeln" sieht das so. "Seit März gibt es sogar eine Kooperations-Vereinbarung: Die Tafeln haben Vorrang bei Großspenden und offene oder kleiner Spenden holen die Foodsaver - wir haben das gleiche Ziel." Zudem ist die Zielgruppe anders: Tafelnutzer müssen ihre Bedürftigkeit nachweisen. "Das ist eine Hemmschwelle", weiß Monika. Einige ihrer "Kunden" kommen deshalb lieber zu ihr in den Gemeinschaftsraum und holen sich dort etwas ab. "Und die Dankbarkeit der Leute ist unglaublich groß. Dabei habe ich doch auch einen Vorteil. Ich hole für mich und meine große Familie und verteile eben auch weiter." Manchmal arbeiten die Organisationen auch zusammen. Christina Schlüter, Botschafterin für Hamburg-Nord, erzählt: "Ein Bauer aus Dithmarschen wollte uns 3 Tonnen Kartoffeln geben. Die hätten wir gar nicht verteilen können. Wir haben dann den Kontakt zur Tafel hergestellt." Die drei Frauen stecken viel Zeit in ihre "Mission". Christina hat diese Woche Urlaub, deshalb konnte sie den Abholtermin machen. Sonst sind es vier bis fünf Stunden in der Woche, in denen sie Essen abholt, eventuell noch mal sauber macht und weiterverteilt. Melanie und Monika sind sogar noch stärker eingebunden. Meist über 15 Stunden in der Woche. Melanie, die als alleinerziehende Mutter Vollzeit arbeitet, sagt: "Man bekommt ein anderes Verhältnis zu Lebensmitteln. Und Melanie ergänzt: "Ich koche seitdem gern." Auch in Langenhorn gibt es ab sofort eine feste Anlaufstelle.
All diese Lebensmittel wären weggeworfen worden, wenn die Foodsaver sie nicht abgholt hätten. Foto Nowatzky
Zwar nicht in einem öffentlichen Cafe, aber an drei festen Abenden in der Woche hat Yvonne Marten bei sich zu Hause ihr "Tischlein deck dich" aufgestellt. Immer Dienstag-, Donnerstag- und Samstagabend kommen schon jetzt feste Abholer der geretteten Lebensmittel zu ihr. Und neben Arbeit und Kind fährt sie pro Tag mindestens drei Betriebe ab, um Lebensmittel zu retten. Warum? Ihr 12-jähriger Sohn Tobias hat es ganz kurz zusammengefasst: "Es macht glücklich, zu retten und weiterzugeben." Die Adresse der Verteil-Stelle Nähe Langenhorn Markt gibt es , wenn man sich im Internet auf www.foodsharing.de mit seinen Daten einloggt.
Erschienen: Norderstedter Wochenblatt, Ausgabe 22 2015