Stefanie Nowatzky

Jedes Schlückchen ist zuviel

Alkoholgeschädigte Kinder brauchen eine Chance auf selbständiges Leben

Von Stefanie Nowatzky - 03.03.2017

Norderstedt Stefan K. ist 32. Mühsam hat er sich durch die Schule bis zum Realschulabschluss gequält, immer wieder wurde der junge Mann psychiatrisch behandelt. Sein ganzer Stolz: Die abgeschlossene Ausbildung zur Pflegekraft. Doch arbeiten kann Stefan K. nicht. "Ich bin zu langsam", fasst er seine ganze Misere zusammen.

Dabei hätte Stefans Leben ganz anders werden können, wenn seine Krankheit früh erkannt worden wäre. Er leidet an FASD, einer Fetalen Alkoholspektrum-Störung. Schon kleine Mengen Alkohol während der Schwangerschaft können die Krankheit auslösen, mit fatalen Konsequenzen für das Baby. Zum Krankheitsbild gehören unter anderem Kleinwuchs, Gesichtsauffälligkeiten, Herzfehler, intellektuelle Beeinträchtigung oder auch Schädigung des vorderen Hirns.

Nicole Schäfer mit Pflegtochter Maja und Regina Toebe-Drost wollen über mögliche Konsequenzen von Alkohol in der Schwangerschaft auf Kinder aufklären.
Experten gehen von bis zu 10.000 geschädigten Kindern pro Jahr aus, 20 Prozent mit einem sogenannten Vollbild wie Stefan K. Dieses wird oft direkt nach der Geburt erkannt, nicht so bei Stefan. Das Teilsyndrom mit ebenfalls unheilbaren Schäden des Frontalhirns wird pro Jahr bei etwa 8000 Kindern festgestellt, die Dunkelziffer liegt höher.

"Wir wollen aufklären und die Menschen so früh wie möglich erreichen", sagt Astrid Mehrer von der ATS Suchtberatung in Norderstedt. Mit einem Fachtag unter der Schirmherrschaft der Bundesdrogenbeauftragten Marlene Mortler am 22. März will sie Ärzte, Politiker, Lehrer und weitere interessierte Norderstedter erreichen. 155 der 200 Plätze sind bereits besetzt.

FASD-Kinder und Jugendliche können wegen ihrer Organschädigung weder planen noch sich selbst strukturieren. Ihnen fehlt Konzentrationsfähigkeit und oft geraten sie in Streit mit Lehrern und Schülern, weil sie sich nicht kontrollieren können. "Diese Kinder sind oft total unglücklich und wollen nicht mehr Leben", bringt Mehrer das Krankheitsbild auf den Punkt. Regina Toebe-Drost und Nicole Schäfer erleben mit ihren Pflegekindern immer wieder solch schwierige Situationen. "Und dann bezweifeln Lehrer oder andere im Umfeld auch noch die Krankheit. Es gibt kein FASD musste ich mir schon von Lehrern anhören", erzählt Toebe-Drost, deren zwei Pflegekinder an der vorgeburtlichen Alkoholschädigung leiden. ""Das muss es endlich lernen" heißt es dann", so Schäfer. "Aber diese Kinder können das nicht. Wir fangen jeden Tag neu an."

Deshalb unterstützen die beiden den Fachtag, wollen über das Leid ihrer Pflegekinder reden und informieren. "Unsere Kinder brauchen ein Umfeld, in dem sie so selbständig wie möglich werden", sagen sie übereinstimmend. Denn sogar Ärzte stehen im Zusammenhang mit der Krankheit noch häufig im Dunkeln. "Was ist das?" hörte Stefan K. erst kürzlich, als er wegen der Folgeerkrankungen der Organschädigung in einer psychiatrischen Tagesklinik vorstellig wurde.

Stefan K. leidet an FASD und will helfen, dass anderen Betroffenen schneller geholfen wird.
Erst nach langem Leidensweg stellte Professor Spohr, einziger Diagnostiker für erwachsene FASD-Patienten, nach dem Verdacht einer Amtsärztin bei Stefan die Krankheit fest. "Ich war gleichzeitig erleichtert und traurig", sagt der 32-jährige. Denn schon mit dem Verdacht endete seine Hoffnung auf Arbeit, der damals 30-jährige wurde verrentet.

Astrid Mehrer lädt deshalb nicht nur zu dem Fachtag am 22. März ein. Sie ruft betroffene Mütter und Väter auf, sich schon früh mit der Suchtberatung in Verbindung zu setzen. Mit dem Projekt Familie am Start werden Familien mit Kleinkindern und werdende Eltern unterstützt.

ATS Suchtberatung Kohfurth 1, Telefon 5233222, email sucht.nor@ats-sh.de.

Erschienen: Norderstedter Wochenblatt, Ausgabe 10 2017

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